Es gibt vieles, was wir uns nicht richtig anschauen. Dinge, Ereignisse und Empfindungen, die wir nicht sehen wollen. Denn es fühlt sich besser an, wenn wir die Augen verschließen, vor dem, was unbehaglich ist. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die das nicht zulassen. Die uns ermahnen, die Augen nicht zu verschließen.
Der Verfasser des Hebräerbriefes tut dies im aktuellen #monatsspruch. Er ermahnt uns nicht nur hinzusehen, sondern uns mit den Leidenden zu identifizieren: “Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“ Heb 13,3. Er spricht dabei vor allem über die Glaubensgeschwister, die als erste Christen verfolgt, unterdrückt und misshandelt wurden.
Auch heute gibt es Geschwister unserer Familie Mensch, die zu Unrecht im Gefängnis sitzen. Doch der Monatsspruch behandelt nicht die Frage von Recht und Unrecht. Der Vers richtet sich an die Bereitschaft mitzufühlen. Sich in das Leid anderer hineinzuversetzen. In das Leid der Gefangenen, die Orientierung für einen Neuanfang suchen. In das Leid der Misshandelten, die den Taten anderer zum Opfer gefallen sind. In das Leid des Menschen neben uns, der in einem inneren Gefängnis sitzt und jemanden braucht, um den Weg in die Freiheit zu finden. Der Grund dafür ist, dass auch wir einen Gott haben, der nicht wegsieht. Ein Gott der Mensch geworden ist und so zum Mitgefangenen und Mitfühlenden wurde. Er hat uns so den Weg in die Freiheit gezeigt.
Mit freundlicher Genehmigung: Stephan Zeipelt / Werkstatt Bibel - oikos Institut